Schaflogo
Filzwalker - Bruno


Zurück zur Seite
Bücher

Die Wollfasern und der Regenwurm!
Ein kleiner Ausflug in die Biologie.
online-Version ohne Abbildungen

Von Bruno Bujack, Filzwalker aus Düsseldorf
(erweiterter und angepaßter Auszug aus: Lehrgang "Herstellung und Gestaltung von handgewalktem Wollfilz." Grundstufe II. Veröffentlicht in Heft 4 der Zeitschrift "Verfilzt und Zugenäht", erstes Halbjahr 2001)

Ein Regenwurm zog gemütlich seine Bahn durch das Erdreich. Ab und zu bohrte er sich durch die Kruste in das Gras, schöpfte frische Luft und schaute sich die helle Welt an. Dabei stieß er plötzlich auf eine Wollfaser und noch eine und noch eine, die dort herumlagen und sich nur ein wenig im Wind bewegten. "Ja wer seid ihr denn? Und was macht ihr hier?" fragte der Regenwurm erstaunt, "Ihr seid so dünn und glatt und kräuselig und liegt hier einfach so herum. Irgendwie seht ihr aus wie kleine Würmer, aber die sind doch nicht so hart und unbeweglich." "Kennst du uns etwa nicht?" fragte da eine besonders dicke und lange Faser, "Wir sind doch die Wollfasern. Wir wachsen und leben auf den Schafen. Das sind die großen Tiere, die hier das Gras auffressen. Aber wer bist du denn? Du bist so dick und glitschig und rutschst immer nur hier herum." So ging das Gespräch einige Zeit hin und her. Bald merkten sowohl die Wollfasern als auch der Regenwurm, daß sie aus ganz anderen Welten stammten, sich kaum etwas zu sagen hatten und eigentlich gar nichts gemeinsam hätten. Der Regenwurm verschwand wieder in seinem Erdreich und die Wollfasern warteten auf den nächste Windstoß, der sie fort tragen sollte in die weite Welt. Und sei es nur bis zum nächsten Weidenstrauch.

Der Regenwurm und die Wollfasern kamen aus völlig entgegengesetzten Lebensräumen und hatten offensichtlich überhaupt keine Gemeinsamkeiten!!(??)
Aber da haben sie sich gründlich getäuscht. Eine Eigenschaft verband sie. Und diese eine ist gerade für uns Filzer interessant. Sie kann uns manches erklären. Welche Eigenschaft das ist, verrate ich später. Jetzt wenden wir uns erste einmal der Wolle zu.

Wolle sind Haare. Haare wachsen auf Tieren. Tiere sind Lebewesen. Die Wissenschaft von den Lebewesen ist die Biologie.
Wir arbeiten mit Wolle. Wenn wir sie verstehen wollen, dann müssen wir uns zuerst mit ihrer eigentlichen, der biologischen Funktion auseinander setzen. Dieser Beitrag soll Euch dabei helfen.

Haararten:
Alle Pelztiere haben im Prinzip den gleichen Fellaufbau. Das Fell wird aus verschiedenen Haararten gebildet, denen verschiedene Aufgaben zugeordnet sind. Die einzelnen Haararten sind: Wollhaar, Grannenhaar, Leithaar und Borsten.
Die Wollhaare sind immer sehr fein und bilden gleich auf der Haut ein gut isolierendes Polster. Ihre Anzahl wechselt bei den meisten Tieren je nach Witterungsverhältnissen und Außentemperaturen stark. Darum spricht man von Winterpelz und Sommerpelz. Das Wollhaarpolster ist so etwas wie die Klimazone des Pelztieres. Diese Wolle wird bei Klimawechsel (z.B. im Frühjahr) abgeworfen.
Die Grannenhaare sind wesentlich dicker und steifer. Außerdem ist die Anzahl gegenüber den Wollhaaren viel geringer. Die Grannenhaare wachsen durch das Wollhaarpolster hindurch und bilden außerhalb davon eine schützende Decke. Die Grannenhaare sind also der Schutzmantel des Pelztieres.
Die Leithaare sind eigentlich auch Grannenhaare. Sie sind noch dicker. Die Leithaare geben dem gesamten Pelz die Struktur. Sie bestimmen ob der Pelz glatt anliegt oder ob Wellen, Kämme, Wirbel und dergleichen das Erscheinungsbild des Tieres verändern.
Die Borsten sind sehr kräftige und dicke Haare. Sie dienen fast immer als Tasthaare und sind darum am Kopf, meist in der Nähen der Augen, der Nase und des Mundes angeordnet. Auch die dicken Haare der Wildschweine nennt man Borsten. Es sind zwar echte Haare, interessieren uns hier aber nicht weiter.
Die Verhältnisse der einzelnen Haararten zueinander, die jeweiligen Längen, Dicken und Strukturen unterscheiden sich von Tierart zu Tierart oder auch von Klimazone zu Klimazone (bei der gleichen Tierart) ganz erheblich. Sie sind genetisch vorgegeben.

Aufbau eines Einzelhaares.

In der Haut von Pelztieren sitzen ziemlich dicht beieinander die sogenannten Haarbälge. In ihnen werden, von klimatischen Verhältnissen beeinflußt, neue Haare produziert. Aus einem Eiweißstoff (Keratin), der in seiner Zusammensetzung dem von Horn(z.B. unsere Fingernägel) entspricht, entstehen sehr kleine, zigarrenförmige Körperchen . Ihre Form (Länge, Dicke, Spitzform und eventuelle Bogigkeit) ist genetisch vorgegeben und variiert von Tier zu Tier, mehr noch von Art zu Art und von Rasse zu Rasse. Außerdem werden aus dem gleichen Grundstoff, dem jedoch etwas mehr schwefelhaltige Aminosäuren angehören, abgeplattete schuppenähnliche Körper produziert. Sie sind härter und fester als die stäbchenförmigen Kernteile. Die Schuppen sind auf der Innenseite in einer Haut, der sogenannten "Zwischenmembran" eingebettet und damit verwachsen. Auf der Außenseite werden die Schuppen von einer feinen Haut der Epicutikula, dem Außenhäutchen eingefaßt.
Der Haarbalg öffnet sich nach außen. Durch diese Öffnung werden die feinen Körper hinausgeschoben. Sie liegen dicht an dicht und bilden so etwas wie eine Schnur.
Die Schuppenkörper bilden um den ganzen Faden eine Schutzschicht. Sie liegen wie eine Rinde um den Kern. Zwischen der Kernzone und den Oberflächenschuppen liegt eine sehr dünne aber feste Haut (Zwischenmembran ). Bei einem völlig intakten, gesunden Haar wird die gesamte Faser von einem ganz dünnen Häutchen(Epicuticula) umgeben. Dieses Häutchen ist dünn aber fest, es läßt keine Flüssigkeiten hindurch, hat jedoch feine Spalten, die Gase, einschließlich Wasserdampf, durchdringen lassen. Es ist so dünn, daß sich die Oberfläche des Haares beim Aufrichten der Schuppen diesen anpaßt. Die Oberflächenschuppen überlappen sich gegenseitig, seitlich wenig, in der Längsrichtung etwas mehr(bis zu einem Drittel). Die Schuppenenden zeigen dabei nach Außen, vom Tier hinweg (zur Haarspitze). Auch diese Schuppenkörper sind, wie die Kernkörper, von unterschiedlicher Länge, Breite und Dicke. Sie sind scharnierartig miteinander verstülpt und können sich gegeneinander bewegen. Die Schuppenstruktur der Oberfläche erlaubt trotz der Härte und Festigkeit ihrer Bausteine eine Biegung der gesamten Faser. Hier wiederholt sich im ganz Kleinen das Prinzip der Oberflächen schuppentragender Tiere. Der Panzer vieler Echsen, Schlangen und Fische aus harten Einzelelementen schützt und gibt dennoch große Beweglichkeit. (Übrigens: die Regenwürmer haben keine schuppige Haut. Diese Eigenschaft ist also nicht gemeint!!) Hinzu kommt, daß die Schuppen sich von der Kernfaser abspreizen können. Die Haare werden dadurch scheinbar dicker. Sie brauchen mehr Platz, werden insgesamt dichter und schließen mehr Luft ein. Die Isolierwirkung nimmt enorm zu. Weil weniger Platz für die Einzelfaser vorhanden ist, stehen stark aufgeplusterte Haare mehr ab, die Gesamtschicht nimmt also zu. Bei Kälte kommt eine Muskelreaktion hinzu (Gänsehaut), die die Haare aufrichtet. Ein oft vermuteter Effekt, daß dies auch vor Regen, Schnee und vor allem Schmutz, Staub und kleinen Fremdkörpern schützt, ist jedoch eher falsch. Eine glatt anliegende Decke schützt da mehr.
Aber... die Natur hat das ganz toll entwickelt: Die dickeren Grannenhaare, die ja die Decke bilden, sind viel weniger in der Lage ihre Schuppen abzuspreizen als die dünne, unter der Deckschicht liegende Wolle. Biologisch ist das ganze System äußerst wirksam und, da die Menge der Unterwolle sich mit dem Klima verändert, anpassungsfähig.
Wir Filzer merken uns: die weichen Wollhaare sind nicht nur viel biegsamer als die Grannen, sondern sind darüber hinaus viel fähiger, die Oberflächen durch Abspreizen der Schuppen zu vergrößern. Die feinen Wollhaare verfügen über viel kleinere und mehr Kern- und Schuppenkörper als die Grannen. Während bei den dickeren Haaren oft weniger als zwei Schuppen auf dem Umfang verteilt sind (durch Versatz können einzelne Schuppen weiter als um den halben Umfang liegen), sind es beispielsweise bei den sehr feinen und weichen Wollhaaren der Merinoschafe bis zu vier oder gar fünf. Kleine Schuppen sind flacher und damit weicher. Teilweise sind zwar die Schuppen selbst ziemlich breit und greifen weit um die Faser herum, aber sie besitzen dann mehrere spitze Schuppenenden, die genauso wirken wie mehrere kleinere Schuppen. Aus dem inneren Aufbau von Haaren ergibt sich, daß einige Haararten sich kräuseln. Diese Kräuselung ist schraubenförmig. Sie wird durch die umgebende Feuchtigkeit beeinflußt. Bei sehr trockener Umgebung ist sie recht stark, nimmt aber mit zunehmender Luftfeuchtigkeit ab. Die Bögen werden flacher. Die Tatsache der Kräuselung als solches ist für Filzer sehr wichtig. Sie führt zum einen dazu, daß sich die einzelnen Fasern nicht nur geradeaus bewegen, sondern hin und her wandern, zum anderen verhindert eine starke Bogigkeit (dies ist das Fachwort der Wollspezialisten) einen dichten, festen Filz. Die Veränderung der Bogigkeit in Abhängigkeit zur aufgenommenen Feuchtigkeit läßt eine Wollfaser sich ständig etwas bewegen. Daraus ergibt sich neben anderem die für Wolle typische Erholung nach starker Biegung und Knickung.
Neben den Haarbälgen sitzen, nahe an der Oberfläche, die Haarbalg-Fettdrüsen. Hierin wird Fett(Lanolin) abgesondert und in die feine Öffnung, durch welche die Haare hinaus wachsen, hinein gedrückt. Die Haare schieben sich durch dieses Fett hindurch und überziehen sich selbst damit. Das Fett ist leicht sauer (Ph-Wert 4,5 - 5,5) und schützt die Haare nicht nur vor Witterungseinflüssen sondern auch vor vielerlei Schädlingen (Parasiten, Bakterien, Pilzen und dergleichen). Unterstützt wird dies vom ebenfalls leicht sauren Schweiß.

Unterschiede zwischen Haare und Wolle.
In ihren Bausteinen unterscheiden sich die einzelnen Haararten kaum voneinander. Die Wollhaare sind, wie schon gesagt, viel dünner als die anderen.
Der wesentliche Unterschied zwischen der feinen Wolle und den gröberen Haaren besteht im Kern. Bei Wolle besteht er durch und durch aus den kleinen Eiweißkörperchen. Haare haben einen Markstrang in der Mitte. Hinzu kommt im allgemeinen eine viel geringere Kräuselung und eine stabilere Epicuticula (Außenhäutchen)
Biologisch bedeute dies, daß Haare zentral über das Mark mit Nahrung versorgt werden können. Sie werden oft das ganze Leben lang nicht abgestoßen und müssen elastisch und stark bleiben . Es findet eine Versorgung mit Nährstoffen und eine ständige Zell-Erneuerung statt.
Bei vielen Haustierarten hat sich das im Laufe der Domestikation verändert. In vielen Haaren, vor allem bei langen, haben sich die Markzonen reduziert. Oft sind nur noch die Kanäle (also die Hohlräume im Zentrum) oder einzelne Markinseln vorhanden.
Wolle hingegen wird, je nach Jahreszeit und Wetter, sehr häufig gewechselt. Im allgemeinen einmal im Jahr (Frühjahr) komplett. Eine ständige Versorgung erübrigt sich.

Wolle vom Schaf.
Schafe sind in der Form wie wir sie halten domestizierte Haustiere. Sie kommen in dieser Form als Wildtiere nicht vor. Von welchen Urschafen sie letztlich abstammen, wird noch diskutiert. Allgemein wird vermutet, daß sie von Wildschafen der Art der Mufflons abstammen. Wir wollen uns auf diese Diskussionen hier nicht weiter einlassen.
Wildschafe haben einen Pelz in der oben beschrieben Art. Auch bei diesen besteht der Pelz aus Woll- und Grannenhaaren. Durch Jahrtausende lange Zuchtauslese entstanden Tiere, die fast keine Grannenhaare, dafür aber stark wachsende Wollhaare produzieren. Bei sehr ursprünglichen Rassen, den sogenannten Haarschafen, ist noch viel vom ursprünglichen Pelzaufbau zu sehen. Die Wolle (bzw. die Wollhaare) der meisten Schafrassen wachsen ständig, besonders bei kühlem Wetter, d.h. im Winter mehr als im Sommer. Wenn es wärmer wird, verlieren sie sie in großen Mengen. Um dies vernünftig kontrollieren zu können, werden die Schafe geschoren. Der jahreszeitliche Rhythmus entspricht dem in der Natur. Das ist klar wenn wir bedenken, daß dies im Prinzip ja die Wollhaare des ursprünglichen Pelzes sind. Diese bildeten beim Wildtier das Wärmepolster. Das Deckhaar, welches den Oberflächenschutz bietet, ist vielfach vollkommen degeneriert. In der Dicke, der Kräuselung, der Elastizität und vor allem in der Oberflächenstruktur des Einzelhaares variiert die Wolle sehr stark.
Eins sollten wir uns merken: Schafe, deren Wolle wir nutzen, sind keine Wildtiere sondern voll domestizierte Haustiere. Das Haarkleid wurde durch züchterische Maßnahmen so verändert, daß es für uns Menschen wirtschaftlichen Nutzen bringt. Dies ist für die Tiere nicht unbedingt von Vorteil. Erklärungsversuche für den Aufbau des Haarkleides, die dies vergessen, unterliegen darum oft eines entscheidenden Irrtums.
Es ist biologisch absoluter Unsinn, wenn verbreitet wird, das Wollkleid eines Hochleistungswollschafes stelle eine sinnvolle natürliche Entwicklung dar!
Schafe, die in menschlicher Obhut stehen, sind insgesamt sehr unterschiedlich. Es gibt viele Rassen mit stark voneinander abweichenden Eigenschaften. Sie werden nicht alle zur Produktion von Wolle gezüchtet und gehalten, sondern oft wegen des Fleisches oder der Milch. Aber auch bei den Wollschafen gibt es viele Rassen. Wir können hier nicht auf die Entstehung von Rassen, den Gründen und Erfolgen eingehen. Die meisten Unterschiede entstanden zunächst aus landschaftlichen Gegebenheiten und den Lebensweisen der Menschen, später wurden bestimmte Ziele wie Wollmenge, - feinheit, -länge, Milchmengen und -qualitäten oder Fleischmengen und -qualitäten angestrebt.

Bildliche Gegenüberstellung der Struktur von Wollhaaren und Grannenhaaren


Ja, und welche Eigenschaften verbinden nun die Wollfasern mit den Regenwürmern??

Biologisch gar keine! Aber .....die beschriebenen Oberflächenschuppen spreizen sich bei Feuchtigkeitsaufnahme bekanntlich ab. Die Oberfläche wird rauher. In der Richtung zur Haarspitze nur ein bißchen, in der Gegenrichtung (also zur Haarwurzel hin) sehr viel. In einer Wolmenge verschieben sich darum die Wollfasern vor allem in die Richtung zur Haarwurzel. Ungern oder oft gar nicht in die Richtung zur Haarspitze.
Jede Faser wandert nur in eine Richtung!.......und genau das tut auch der Regenwurm. Auch er wandert immer nur mit dem Kopf voran. Beobachtet mal einen Angler beim Fischen. Sobald er seine Wurmdose öffnet und einen einzelnen Wurm herausnehmen will, hängt an seinen Händen ein ganzer Knubbel Würmer. Sie haben sich umeinander verschlugen, sich miteinander verwirrt.
Denken wir jetzt an meine Definition des Filzes:
Filz ist eine bindemittelfreier, sich nicht wieder auflösender Verband von mehr oder weniger dicht miteinander verwirrter ungerichteter Fasern
So können wir auch diesen Wurmknubbel als eine Art Filz bezeichnen.
Und da haben wir die Gemeinsamkeit:
Weil sich sowohl Regenwürmer als auch Wollfasern (zugegeben nur im feuchten Zustand) jeweils nur in eine Richtung bewegen, bilden sie bei Bewegung im Verband einen Filz.